«Niemand soll mit Krebs allein sein»

    Jährlich erhalten in der Schweiz 48’000 Menschen die Diagnose Krebs – insgesamt leben rund eine halbe Million Betroffene mit oder nach der Diagnose Krebs. Dank medizinischer Fortschritte steigen die Überlebenschancen, doch mit der Krankheit beginnen oft neue körperliche, psychische und soziale Herausforderungen. Mirjam Lämmle, CEO der Krebsliga Schweiz, spricht über Prävention, politische Forderungen und warum Menschlichkeit in der Krebsversorgung genauso wichtig ist wie innovative Therapien.

    (Bilder: Krebsliga) Mit der neuen nationalen Kampagne zeigt die Krebsliga, was es heisst, mit Krebs zu leben.

    Wie viele Menschen sind in der Schweiz derzeit von Krebs betroffen?
    Mirjam Lämmle: In der Schweiz gibt es jedes Jahr 48’000 neue Krebsfälle. Insgesamt leben hierzulande rund eine halbe Million Menschen mit oder nach der Diagnose Krebs. Und jede dritte Person erkrankt im Laufe ihres Lebens an Krebs. Das bedeutet: Krebs betrifft uns alle – direkt, als Angehörige, aber auch als Gesellschaft.

    Wie haben sich die Krankheit selbst sowie die medizinische Behandlung von Krebs in den letzten zehn Jahren entwickelt?
    Die Krankheit selbst hat sich nicht verändert, aber in der Behandlung und auch in der Früherkennung und Diagnostik gab es wichtige Fortschritte, beispielsweise personalisierte, zielgerichtete Therapien und Immuntherapien. Damit wird Krebs zunehmend als chronische Erkrankung behandelbar.

    Wie hoch sind heute die Heilungs- bzw. Überlebenschancen für Krebsbetroffene?
    Die Prognosen sind nicht bei allen Krebsarten gleich. Es gibt Krebsarten, die auch heute noch nur in seltenen Fällen heilbar sind und eine hohe Mortalität haben. In den meisten Fällen ist Krebs aber kein unmittelbares Todesurteil mehr: Mehr als zwei Drittel der Betroffenen leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Das bedeutet auch, dass immer mehr Menschen noch lange nach Abschluss der Behandlung leben und häufig mit Spätfolgen der Erkrankung zu kämpfen haben. Sie leiden zum Beispiel an Fatigue, haben psychische oder soziale Probleme und müssen entsprechend begleitet werden. Rund ein Drittel der Krebsbetroffenen stehen noch mitten im Erwerbsleben. Vielen von ihnen gelingt mit der richtigen Unterstützung auch die Rückkehr in den Beruf oder ihren Alltag.

    Was hat sich in der Krebsprävention in den letzten Jahren getan? Welche neuen Erkenntnisse gibt es in der Vorsorge sowie zu Zusammenhängen zwischen verschiedenen Tumorarten?
    Wir gehen davon aus, dass rund 40 Prozent der Krebserkrankungen durch Präventionsmassnahmen vermieden werden könnten. Das ist enorm viel und deshalb sehen wir hier grossen Handlungsbedarf. Der mit Abstand grösste vermeidbare Risikofaktor für Krebs ist Rauchen. Aber auch andere Faktoren wie gemässigter Alkoholkonsum, Vermeidung von Übergewicht und eine ausgewogene Ernährung können das persönliche Krebsrisiko senken. Und mit der Früherkennung haben wir bei gewissen Krebsarten wie Brust- oder Darmkrebs die Möglichkeit, Krebs in einem frühen Stadium zu entdecken und oder sogar zu vermeiden, indem wir Vorstufen erkennen. Dazu braucht es flächendeckende Früherkennungsprogramme in der ganzen Schweiz und die entsprechende Information der Bevölkerung.

    Mirjam Lämmle, CEO der Krebsliga Schweiz: «Unsere Kampagne zeigt, dass man über Krebs sprechen kann – ohne Angst, ohne Distanz.»

    Krebs ist mehr als eine medizinische Diagnose: Wie verändert die Krankheit das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen?
    Krebs verändert nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern ihr gesamtes Umfeld. Oft stellen sich sehr rasch existenzielle Fragen. Was wir in unseren Beratungen immer wieder sehen, ist wie unterschiedlich Betroffene und Angehörige das Leben mit Krebs erfahren: Das reicht von sozialer Isolation oder finanziellen Sorgen bis zu einem beruflichen oder privaten Neustart. Hinter jeder Krebsdiagnose steht ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.

    Welche Rolle spielt die Psyche im Umgang mit einer Krebserkrankung?
    Eine sehr wichtige, die häufig unterschätzt wird. Oft beschäftigen sich Krebsbetroffene mit Fragen, auf die es keine klaren Antworten gibt. Sie haben zum Beispiel Schuldgefühle oder Ängste, die sie ihren Familienmitgliedern nicht immer zumuten wollen. Deshalb ist es wichtig, dass sie Zugang zu psychoonkologischer Beratung haben oder den Austausch mit anderen Betroffenen finden, die ähnliches erlebt haben. Dazu haben wir die Peer-Plattform ins Leben gerufen, wo Betroffene andere Betroffene ein Stück auf ihrem Weg begleiten und bieten in jeder Region der Schweiz vor Ort wie auch online Beratung an zu allen Fragen rund um Krebs.

    Am 4. Februar war Weltkrebstag. Die Krebsliga setzte sich dabei für mehr Menschlichkeit ein. Was bedeutet das konkret?
    Eine gute Krebsversorgung braucht mehr als innovative Therapien: Genauso wichtig sind Empathie, Beziehung, Würde und psychosoziale Unterstützung. Doch unser Gesundheitssystem ist darauf ausgerichtet, dass vor allem jene Leistungen erbracht werden, die auch vergütet sind. Das führt dazu, dass viele Betroffene und Angehörige mit den vielschichtigen Herausforderungen, die über das Medizinische hinausgehen, auf sich gestellt sind. Hier setzen wir an, denn Krebs betrifft nicht nur den Körper. Nie vergessen darf man auch die Nahestehenden, die genauso auf Unterstützungsangebote angewiesen sind.

    Die Krebsliga schreibt: «Für eine humane Krebsversorgung braucht es politische Veränderungen.» Wie sehen diese politischen Forderungen konkret aus?
    Wir konzentrieren uns im Moment auf drei Bereiche, in denen in der Schweiz dringend etwas geschehen muss: Es braucht psychosoziale Beratung und Unterstützung für Betroffene und Angehörige, koordinierte Programme für Cancer Survivors sowie eine bessere Finanzierung der Palliative Care.

    Zum Weltkrebstag haben Sie eine neue Kampagne lanciert. Was steckt dahinter?
    Krebs ist nicht nur eine Krankheit. Er ist Teil des Lebens – geprägt von Brüchen und Stärke, von Wut und Würde, von Hoffnung und Neubeginn. Mit unserer Kampagne wollen wir diese Menschen sichtbar machen, die diese facettenreichen Erfahrungen gemacht haben und auch aufzeigen, wie die Krebsliga sie auf ihrem Weg unterstützt. Deshalb zeigen wir echte Betroffene und erzählen ihre Geschichten.

    Wie herausfordernd war es, Betroffene zu finden, die bereit waren, bei dieser Kampagne mitzuwirken?
    Uns war es sehr wichtig, echte Menschen auf ihrem Weg mit Krebs und echte Emotionen zu zeigen. Die Kampagne sollte nicht über Krebs sprechen, sondern aus der Erfahrung der Betroffenen heraus entstehen. Über unsere Netzwerke haben wir im letzten Herbst Betroffene angeschrieben und es haben sich viele gemeldet, die mitmachen wollten. Wir haben mit allen persönliche Gespräche geführt, ihre Geschichte erfahren, sechs Personen ausgewählt und sorgfältig sichergestellt, dass Inhalt und Vorgehen für sie passen. Allen gemeinsam ist, dass sie ihre Geschichte teilen möchten, um das Thema Krebs zu enttabuisieren – ein wichtiges Anliegen der Krebsliga.

    Die Kampagne arbeitet mit Begriffen wie «Krebsmüde», «Krebswut» oder «Krebswürde». Welche Botschaft möchten Sie damit den Passantinnen und Passanten mit auf den Weg geben?
    Krebs ist Krebs: Das Wort «Krebs» nicht zu nennen, hilft nicht, es trägt viel mehr dazu bei, dass die Erkrankung weiterhin für viele Menschen als Tabu gilt. Die Begriffe, die die Betroffenen aus diesem Wort kreiert haben, zeigen die Bandbreite der Gefühle und Bezüge auf, die sie mit Krebs verbinden. Wir wollen damit auch die Botschaft vermitteln: Sprechen wir über Krebs. Schaffen wir Verständnis. Stehen wir einander bei, statt wegzuschauen.

    Was sind aktuell die grössten Herausforderungen für die Krebsliga?
    Die Spenden für Soziales und Gesundheit stagnieren in der Schweiz. Das macht es für eine spendenfinanzierte Organisation wie die Krebsliga nicht einfacher. Denn es leben immer mehr Menschen mit und nach Krebs, und der Bedarf an Unterstützung steigt. Wir müssen also dafür sorgen, dass unsere Angebote weiterhin verfügbar sind, die Finanzierung gesichert ist und wir neue Wege finden, um Betroffene aber auch Spendende zu erreichen, beispielsweise im digitalen Bereich.

    Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft der Krebsliga – und allgemein für den Umgang mit dem Thema Krebs?
    Mir ist es ein Herzensanliegen, dass niemand den Weg mit Krebs alleine gehen muss. Deshalb ist es mir wichtig, dass die Krebsliga nebst der starken Förderung der Krebsforschung weiterhin ihren Fokus dort setzt, wo sie ganz nah an den individuellen Bedürfnissen von Betroffenen und ihren Liebsten wirken kann. Ein Teil davon ist, auch gesellschaftlich so zu wirken, dass Menschen mit Krebs sich getragen fühlen. Jede und jeder von uns kann hier seinen Beitrag leisten.

    Interview: Corinne Remund


    Krebsliga Schweiz

    Seit über 110 Jahren setzt sich die Krebsliga Schweiz für Krebsbetroffene und deren Umfeld ein. Als Dachorganisation bietet sie mit den 18 kantonalen und regionalen Ligen umfassende Beratung, Unterstützung und Information an.

    Die Krebsliga setzt sich dafür ein, dass …

    • … weniger Menschen an Krebs erkranken,
    • … weniger Menschen an den Folgen von Krebs leiden und sterben,
    • … mehr Menschen von Krebs geheilt werden,
    • … Betroffene und ihr Umfeld die notwendige Zuwendung und Hilfe erfahren.

    www.krebsliga.ch

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